Lebenslauf
Architektur - Lebenslauf
Wer bauen will, muss Entscheidungen treffen. Die Vorbereitungszeit ist für viele die persönliche Standortbestimmung. Danach ist ein Architekt gefragt. Einer der die Wünsche und Ziele der Bauherrschaft versteht und umsetzen kann.
Von Carlo Vetter, tricorno ARCHITEKTUR
Vom Lehrling zum Künstler
Wie jeder junge Mann machte auch ich mir als Schulabgänger Gedanken über meine Zukunft. Ich suchte eine Lehrstelle und fand diese in einem renommierten Architekturbüro in Luzern. Nach der Lehrzeit als Hoch-bauzeichner folgten noch vier Semester an der Schule für Gestaltung Luzern.Wie üblich an solchen Schulen, wird man angetrieben durchWettbewerbe und andere Events. Stolz sei dank, selbstverständlich machte auch ich mit. Mein Projekt war „Kunst am Bau“, ein so genanntes Beton-Relief, > um langweilige Betonwände zu verschönern. Prompt wurde ich von der Jury mit dem ersten Preis geehrt – völlig zu meiner Überraschung. Ich spürte Energie und Kraft in mir, die Umsetzung der Idee ins 1:1 lies dann nicht lange auf sich warten. Heute hängt dieses stilvolle Relief an der Aussenwand der Schulanlage Aula in Rickenbach, ganz zur Freude des Dorfes. Angespornt durch diese Erfahrung entschied ich mich für weitere sechs Semester Kunst, diesmal jedoch an der Hochschule für bildende Künste in Berlin. 1968 war genau die richtige Zeit für mich und ich profitierte enorm von dieser grossartigen, pulsierenden Stadt. In späteren Jahren begann ich zu malen, und wieder bekam ich von der Jury – völlig unerwartet den ersten Preis. Heute weiss ich, dass solche Preise eigentlich nicht viel bringen. Langfristiger Erfolg ist etwas ganz anderes. Nämlich harte Arbeit, Kontinuität und Erfahrung. Preise sind lediglich „Kurz-Erfolge“, die einen höchstens von der Realität ablenken. Eine hübsche Freundin ist wesentlich besser…
Vom Künstler zum Matrose
Als ich dann von Berlin in die Schweiz zurückkehrte, suchte ich einen Job. Der Baubranche ging es schlecht und so meldete ich mich bei einer Rederei in Basel. Statt schön gesittet als gut verdienender Architekt, landete ich als dann als Matrose auf Deck. Diesen Job führte ich allerdings nicht lange aus. Dennoch hatte ich gelernt, was wirklich harte Arbeit bedeutet. Für viele Leute ist der Job das eine, das Leben das andere. Für mich aber ist der Beruf und das Leben das selbe. In meinem Leben übte ich diverse Jobs aus, ich war immer neugierig, was das Leben zu bieten hat. Die beruflichen Seitensprünge waren für mich ein Muss, denn es weitete nicht nur meinen Horizont, sondern förderte auch das Verständnis und den Respekt vor anderen Menschen.
Mein letztes Stündchen
Born to be wild – kennen Sie diesen Song? Zwar fuhr ich keinen EasyRider, vielmehr stand ich auf meinen Mottoguzzi LeMans. Diese Maschine bedeutete alles für mich. Freiheit, Leben, Energie. Bis zum jenem Abend inWasen, wo ich einen Selbstunfall baute und meine Abenteuerlust fast mit dem Leben bezahlte. Ich kriegte einfach die Kurve nicht mehr! Obwohl ich mit normalem Tempo den Berg hochfuhr, zog es mich immer mehr Richtung Leitplanke, die mich dann glücklicherweise bremste, sonst… Da lag ich also, schockiert und halb tot auf dem Asphalt. Die Maschine hundert Meter weiter oben. Helm ab, an den Rand robben, auf Hilfe warten. Mein Bein tat höllisch weh, ich wusste ich war schwer verletzt. Ich verlor Blut, kein Mensch weit und breit. Zehn Meter oberhalb der steilen Betonwand war die Autobahn, doch niemand konnte mich sehen auf der Landstrasse da unten. Nach unendlichen Minuten kam endlich ein Auto vorbei. Die Leute hielten sofort an, brachten mich ins nächste Restaurant und von dort ins Spital. Jäh wurde ich aus dem Leben gerissen. Von einer Sekunde auf die andere war alles anders. Total anders! Ein halbes Jahr Spital und Erholung taten mir gut. In dieser Zeit begann ich, ernsthaft über meine Zukunft nachzudenken.
Fun, Partys, Absturz
Kaum wieder auf den Beinen, stürzte ich mich ins nächste Abendteuer. Schon lange hegte ich den Traum, mich selbständig zu machen. Architekt, Maler, Künstler, Matrose – wieso nicht mal etwas ganz anderes? Ein Laden, das wärs! Also eröffnete ich das „Amaretti“, ein Geschäft für feinste italienische Spezialitäten. Im nah gelegenen Casino Luzern organisierte ich einen Amaretti-Abend und meine Fans strömten in Scharen an die Party. Feste feiern bis in die Morgenstunden hat sicher seinen Reiz. Doch Geld verdiente ich damit keines. Ganz im Gegenteil. Kam dazu, dass der Laden völlig an der falschen Lage war. Ein Geschäft dieser Art war an der Haldenstrasse ein Exot… und natürlich zum Scheitern verurteilt. Schon bald darauf musste ich mein „Amaretti“ wieder schliessen. Übrig geblieben ist nur noch mein Traum und der bittere Geschmack der Schulden. Doch als Ehrenmann versprach ich meinen Lieferanten, sämtliche ausstehenden Rechnungen zu begleichen. Nach zwölf Monaten war ich raus aus.
Carlo baut für Emil
Nein, ich kenne Emil Steinberger nicht persönlich. Aber ich hatte damals seine Wohnung gebaut. Die Überbauung Hausermatte in Luzern (unweit von meinem „Amaretti“) war ein Megaprojekt und ich war zurück im Baugeschäft. Bauen für die Reichen, an der schönsten Seepromenade von Luzern, ein Traum. Kaum waren die ersten Striche auf dem Papier, schon drängte man nach den Bausitzungsvorlagen. Neun Objekte waren gleichzeitig zu bearbeiten, unglaublich was in dieser kurzer Zeit zu Stande kam. Wir befinden uns im Stadium des Umsetzens, rasches Vorgehen bringt Reserven. Also werden die grosszügigen Entscheidungen am Anfang gefällt, um den oberflächlichen Details Vorteil zu verschaffen. Ein Bauobjekt ist letztlich ein Gebäude an einem exakten Ort. Es wird von Menschen gebaut und prägt dann die Menschen, die jahrelang darin wohnen. Architekten wie Mario Botta oder Jean Nouvel verändern sogar ganze Stadtbilder, ebenso Donald Trump, der Superarchitekt und Turmbauer aus New York.
Ein Haus, ein Lohnsklave, eine Frau
Als Architekt hat man immer einen Plan im Kopf. Logischerweise auch für ein eigenes Haus. Für sich selbst ein Haus zu planen, das ist eine ganz spezielle Angelegenheit. Darüber hinaus wollte ich kein kleines, hübsches Einfamilien-Häuschen, nein es sollte ein Mehrfamilienhaus mit drei Wohnungen werden. Jede Wohnung ist etwas ganz Spezielles, und jede Wohnung ist von mir. Seit über zwanzig Jahren bewohne ich nun mein eigenes Haus und ich fühle mich wohl darin. Einzig die Erfahrungen mit den Mietern sind unterschiedlich. Dennoch, ich liebe es „unter den Leuten zu sein“. Es entstanden Kontakte, die für mich eine Bereicherung waren. Ein Zusammenleben das funkt und blitzt, Einsamkeit liess es nicht aufkommen. Das andere Kapitel, nämlich der finanzielle Aspekt mit Banken, Versicherung und Hypotheken, das ist für mich mit einer grässlichen Krankheit zu vergleichen. Banken sind oft nicht im Stande, ihre Kunden als Kunden zu behandeln. Willkür und Arroganz treiben loyale und treue Klienten an den Rand des Wahnsinns und… zur Konkurrenz. Da es sich um die grösste Bank der Schweiz handelte, machte die Sache auch nicht leichter. Eines aber wurde mir klar: Banken sind keine Menschen. Sie haben weder eine Seele noch ein Herz. Banken sind Institutionen, die auf Teufel komm raus Geld verdienen müssen. Der Junior-Vice-President, der Lohnsklave, der die Hypothek betreut, hat nämlich ganz eigene Interessen. Sein Fokus gilt nicht dem Kunden, sondern der eigenen Karriere. Ist der Kunde nicht im Einklang mit der Karriere des Bankers, werden die Probleme nicht gelöst, sondern der Kunde wird entfernt. Karriere über alles! So what, es gibt ja noch andere Banken, und so bin ich immer noch in meinem Haus. Drei Eingänge, drei Wohnungen, drei Dächer. Tricorno – auf italienisch Dreispitz. Als ich mein Haus baute, war ich Single. Doch es ging nicht lange, heirate ich und meine damalige Frau schenkte zwei Buben das Leben. Doch Carlo Vetter ist kein Familien-Mensch. Streitereien, unterschiedliche Lebensansichten und zahlreiche weitere Differenzen waren der Grund, warum wir uns bald wieder trennten. Ruhe und Distanz sind eingekehrt, und das ist gut so für die ganze Familie.
Die Essenz des Lebens
Freiheit definiert jeder für sich selber. Nicht alle Menschen brauchen gleich viel Freiraum. Viele Leute verwechseln Freiheit mit Einsamkeit. Doch das ist falsch. Einsam ist ein Kind, wenn es von seinen Freunden im Stich gelassen wird. Doch ein Erwachsener kann handeln und sich beschäftigen, wie es ihm passt. Und genau das gefällt mir am Leben. Wenn ich aber die Augen öffne, so sehe ich wesentliche Unterschiede zum Stand dieser Menschen. Das bedeutet, der sozial Schwächere und der sozial Stärkere führen in unserer Gesellschaft ein sehr unterschiedliches Leben. Gleiche Rechte, gleiche Pflichten? Oder gleiche Pflichten, aber beschränkte Rechte? Oftmals ist genau das der Stolperstein zur Selbstverwirklichung. Das Recht steht einem zu, bei der Umsetzung spürt man jedoch Widerstand. Daran muss man wachsen. Ob Familie, Politik, oder Business – immer wieder können wir Neues dazulernen. Die Essenz des Lebens heisst demnach Erfahrung! Je mehr Erfahrung ein Mensch hat, desto besser meistert er sein Leben. Jeder Auftrag den ich übernehme, jeden Handgriff den ich erledige geht immer besser und besser. Warum? Weil man reifer und gelassener wird. Das ist Know-how, das ist wahre Freiheit für mich.